„DIE GEIGE IST GENAU MEINS“

„DIE GEIGE IST GENAU MEINS“
Amelie Wallner

Amelie Wallner im Gespräch Für das Leonkoro Quartett greift der Begriff „Rising Star“ viel zu kurz, denn dieses 2019 in Berlin gegründete Streichquartett geht derzeit weltweit steil durch die Decke. Das Ensemble wurde bereits mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, es erhielt unter anderem den Musikpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung, den MERITO String Quartet Award, den Young Talent Award des Concertgebouw Amsterdam und wurde Preisträger des Borletti-Buitoni Trust. 2022 gewannen sie außerdem die Streichquartettwettbewerbe in Bordeaux und London, samt zahlreicher Publikums- und Sonderpreise und wurden in das BBC-Radio 3 New Generation Artists Program aufgenommen. Der Name „Leonkoro“ bedeutet auf Esperanto „Löwenherz“ und spielt auf Astrid Lindgrens gleichnamiges Kinderbuch an, in dem es um Mut und enge Bindungen geht. Die vier jungen Löwenherzen glühen förmlich für Interpretationen „Out of the Box“, dem Titel des diesjährigen Mozartfests. Sie sind geradezu prädestiniert für die Eröffnung am 16. Mai um 19.30 Uhr im Rokokosaal im Fronhof.

Mit Amelie Wallner steht eine eng mit der Mozartstadt verbundene Geigerin mit auf der Bühne: Die mehrfach preisgekrönte Musikerin wurde in Augsburg groß und absolvierte hier einen Teil ihrer Ausbildung. Warum sie sich jetzt auf das Mozartfest freut und was ihr Leben so vielfältig macht, hat sie dem Top im Interview erzählt.

 

top: Wo sind Sie denn in Augsburg aufgewachsen und zur Schule gegangen?
Amelie Wallner: Ich bin zwar in München geboren, habe allerdings fast meine gesamte Kindheit in Augsburg verbracht. Meine Familie mütterlicherseits kommt aus Augsburg. Mein Abitur habe ich im Jahr 2017 am Gymnasium bei St. Stephan absolviert, im musischen Zweig war ich genau richtig aufgehoben.

top: Wie kamen Sie dann zu einem so schweren Instrument wie der Violine?
Amelie Wallner: Schon als Kleinkind bin ich durch die musikalische Früherziehung an der Musikschule und die Klassikaffinität meiner Mutter und Großmutter in den Kontakt mit Instrumenten gekommen und irgendwie war von Anfang an klar, die Geige ist genau meins. Mit vier Jahren war ich dann endlich groß genug, um die kleinste Geige halten zu können und meine Großmutter meldete mich für den Unterricht bei einer Studentin der Musikhochschule an. Mich hat damals schon fasziniert, wie vielseitig dieses Instrument ist, die Violine ist in jeder Lebenssituation die richtige Partnerin.

top: Welche Position spielen Sie am liebsten in einem Orchester oder einer kleineren Gruppe und welche Rollen nehmen Sie dabei am liebsten ein?
Amelie Wallner: In unserem Quartett bilde ich zusammen mit meiner Kollegin an der Viola die Mittelstimmen und genau an dieser Position fühle ich mich am wohlsten. Ich habe es schon immer geliebt, Begleitstimmen zu spielen, für die Harmonien unter einer Melodiestimmen zu sorgen und diese von unten mitzutragen. Vor allem in einer so kleinen Besetzung sind wir diejenigen, die durch verschiedene Strukturen und Farben in der Begleitung
die Musik lebendiger machen.

top: Ist das Mozartfest in Augsburg für Sie neu oder kennen Sie es schon?
Amelie Wallner: Mit dem Mozartfest fühle ich mich seit meiner Jugend eng verbunden, schon als kleines Kind nahm mich mein Geigenlehrer Harald Christian, der Vater der Geigerin Sarah Christian, die ihre eigene Serie „Freistil“ innerhalb des Festivals innehat, mit in die Kammermusikkonzerte und ich durfte sogar mit auf die Bühne, allerdings erst einmal nur, um den Künstlerinnen und Künstlern ihre Blumen zu überreichen (lacht). Später durfte ich in einer Edition des Leopold-Mozart-Violinwettbewerbs an einer Jugendjury teilnehmen: eine unvergessliche Erfahrung, in der ich zum ersten Mal Wettbewerbsluft schnuppern konnte. Diese innerhalb Augsburgs einzigartigen Konzerte, in denen schon immer Künstler auf Weltklasse-Niveau zusammen musizierten, waren für mich wie kleine Fenster mit Aussicht auf das Leben, das ich später unbedingt selbst führen wollte.

top: Auf was freuen Sie sich dabei am meisten?
Amelie Wallner: Es fühlt sich sehr besonders an, nun selbst Teil des Mozartfestes sein zu dürfen und für mein erstes Konzert nach vielen Jahren in meine Heimatstadt zurückzukehren. Es ist doch etwas anderes, zu wissen, dass das Publikum voller bekannter Gesichter sein wird, als in fremden Städten zu spielen, mit einem anonymen Publikum gegenüber. Noch dazu habe ich schon als Kind des Öfteren im Rokokosaal gespielt. Es fühlt sich also alles wunderbar, gleichzeitig auch seltsam bekannt an.

top: Was gefällt Ihnen an Augsburg besonders?
Amelie Wallner: Ich bin in der Jakobervorstadt aufgewachsen und ich muss schon sagen, die Möglichkeit, zu Fuß und innerhalb von wenigen Minuten überall sein zu können, fehlt mir ein wenig. In meiner jetzigen Heimatstadt Berlin verbringt man bekanntermaßen oft erst einmal eine Dreiviertelstunde in Bus und Bahn, bevor man sein Ziel erreicht.

top: Haben Sie einen Lieblingsplatz?
Amelie Wallner: Vor allem in der Augsburger Altstadt gibt es einfach wunderschöne Ecken. Einer meiner Lieblingsorte wird wohl immer die Barfüßerkirche bleiben, dieser große, nach oben gefühlt endlose Raum strahlt für mich eine unvergleichliche Ruhe und Geborgenheit aus, ein Nest mitten im Trubel der Stadt.

top: Sind Sie noch manchmal in Augsburg oder mehr in der Welt unterwegs?
Amelie Wallner: Leider schaffe ich es eher selten nach Augsburg, ab und zu besuche ich Freunde und das ein oder andere Konzert meiner alten Schule. Mit meinen beiden ehemaligen Musiklehrern bin ich noch sehr eng verbunden, den beiden habe ich einiges zu verdanken.

top: Gibt es Konzerte, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Amelie Wallner: Die Faktoren, die für mich ein Konzert besonders machen, sind vor allem die Konzertsäle, die es aufgrund von Architektur und/oder Akustik ermög- lichen, dass eine besondere Stimmung gemeinsam mit dem Publikum zustande kommt und die Künstler, mit denen man den Moment teilt. Nun sind wir vier sehr eingespielt, sind den Ablauf der Konzerte gewohnt und denken, bei jedem Stück zu wissen, was uns im Großen und Ganzen erwartet. Und genau deswegen sind für mich die besonderen Momente die, in denen Unerwartetes, Neues geschieht und im besten Fall dann auch sofort einrastet, abgefangen und aufgenommen wird. Im größeren Stil passiert das natürlich, wenn wir als Quartett zusätzliche Musiker mit dazu holen, dann weiß man nicht genau, wie die Person in dem ein oder anderen Moment reagiert – wenn es klappt, ist die Freude umso größer. Ein Konzert, in dem beide Faktoren einfach gestimmt haben und mir deswegen im Gedächtnis bleibt, war ein Konzert mit dem Klarinettisten Martin Fröst in der Wigmore Hall in London.

top: Was möchten Sie mit Ihrer Musik bewirken und ausdrücken?
Amelie Wallner: Ich denke, unsere Aufgabe als Musiker besteht darin, den emotionalen Gehalt, den Komponisten in ihre Werke gesteckt haben, auf das Publikum zu übertragen. Das ist natürlich eine sehr subjektive Angelegenheit und Frage der Interpretation, aber es reicht nicht, die Musik für sich alleine genießen zu können. Das Ziel sollte sein, immer eine solche Aussagekraft zu haben, die auch das Gegenüber erreicht.

top: Wie sieht bei Ihnen ein ganz normaler Arbeitstag aus?
Amelie Wallner: Es gibt in unserem Alltag zwei Modi: der Tour-Modus und der Proben-Modus. Wir spielen mittlerweile um die 80 bis 90 Konzerte im Jahr, das bedeutet, dass wir regelmäßig sehr viel unterwegs sind. Eine solche Tour beinhaltet viele Stunden im Zug und im Flugzeug, Anspielproben vor den Konzerten, die Suche nach guten Restaurants und ständig wechselnde Hotelzimmer. Man versucht, die Hektik der Reisen mit kleinen Momenten der Ruhe zu kompensieren, damit man in der Lage ist, am Abend mit voller Kraft in das Konzert zu gehen. Im Gegenzug dazu versuche ich, mir in Probenphasen zuhause ausgleichend eine etwas entschleunigende Regelmäßigkeit zu schaffen. Wir proben meist fünf Tage die Woche, wenn wir nicht auf Tour sind, treffen uns nachmittags, damit jeder noch genug Zeit hat, sich alleine vorzubereiten, zu üben und gegebenenfalls organisatorischer Arbeit nachzukommen, die ein nicht zu unterschätzender Bestandteil unseres Berufes ist.

top: Was machen Sie als Ausgleich zur Musik am liebsten?
Amelie Wallner: Als Musiker haben wir ja tagtäglich sehr viel mit Selbstreflexion und Selbstkritik zu tun, daher gehe ich besonders gerne den Hobbys nach, die meinen Kopf „ausschalten“, beispielsweise beim Stricken, Lesen oder Yoga. Alles Dinge, die glücklicherweise reisetauglich sind.

top: Gab es auch Hürden, die Sie überwinden mussten in Ihrer Karriere?
Amelie Wallner: Ein Zwischenstopp, den die meisten Musiker, aber auch Streichquartette früher oder später einlegen (müssen), sind Wettbewerbe, eine meist nicht unbedingt angenehme, aber notwendige und im besten Fall hilfreiche Angelegenheit, um mit der Karriere voranzukommen. In unserem Fall hat uns das immer weiter gebracht, aber das Outcome kann man eben nicht vorhersehen und somit ist es immer wieder aufs Neue eine extrem stressige Zeit, die das Ensemble auf mehreren Ebenen auf eine harte Probe stellt. Der unmittelbare Vergleich mit anderen und der Umgang mit dem eigenen, aber auch dem Stress der Kollegen bereitet in unserem Fall ein Quartett innerhalb kurzer Zeit gerade deswegen sehr gut auf den späteren Berufsalltag vor. Man weiß, man konnte bereits einmal ans Maximum gehen, alles andere erscheint danach im besten Fall halb so wild.

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