Nachgefragt bei Dr.Fabian Mehring- KI als industrielle Revolution: Chancen und Herausforderungen

Nachgefragt bei Dr.Fabian Mehring- KI als industrielle Revolution: Chancen und Herausforderungen

top: Herr Mehring, wie haben Sie die Atmosphäre und die vorgestellten Projekte im KI-Produktionsnetzwerk erlebt?

Mehring: Das war spitze. Man konnte spüren: Die Metropolregion Augsburg mausert sich gerade zu einem echten Leuchtturm für Zukunftstechnologien – insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Unser KI-Produktionsnetzwerk ist dabei nicht nur unser Aushängeschild, sondern ein ratternder Zukunftsmotor für die gesamte Region. Augsburg glänzt aber nicht nur mit Hightech-Start-ups und innovativen Projekten – auch in Sachen digitale Verwaltung sind wir am Lech Vorreiter. Im Moment sind wir darin sogar die Nummer eins in Deutschland. Diese Spitzenposition ist kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter Anstrengungen und einer klaren Strategie. Erst kürzlich haben Bundesminister Wildberger und ich Augsburg zur Pilotstadt für die Verwaltungsdigitalisierung in ganz Deutschland ernannt – ein gemeinsames Projekt von Bund und Land, das bundesweite Maßstäbe setzen soll. Augsburgs Verwaltung ist also jetzt Pionier, um in ganz Deutschland endlich dafür zu sorgen, dass die Behörden aus dem digitalen Dornröschenschlaf erwachen und fit für das KI-Zeitalter werden.

top: Am Beispiel von Telinage sieht man, wie KI den Alltag von Unternehmen verändern kann. Was beeindruckt Sie an solchen Innovationen aus der Region besonders?

Mehring: Bei Künstlicher Intelligenz geht es um mehr als nur um Technik. KI ist die große industrielle Revolution unserer Zeit – ein Umbruch, der nicht nur die Arbeitswelt, sondern das gesamte gesellschaftliche Gefüge verändern wird. Dieser Technologiesprung wird in den nächsten Jahren unsere Art zu leben, unsere Art zu arbeiten, einfach alles fundamental verändern – und den Wohlstand auf der Welt neu verteilen. Wer jetzt nicht handelt, riskiert, im globalen Wettlauf abgehängt zu werden. Es genügt also nicht, wenn wir in Deutschland so ein bisschen passiv an der Seitenlinie stehen und staunend zuschauen, wie Player aus den USA und Asien den Wohlstand der Zukunft untereinander verteilen. Gerade für ein Land wie unseres, das mit hohen Arbeitslöhnen und Energiepreisen zu kämpfen hat, sehe ich in der Digitalisierung die einzige Chance, unseren Wohlstand in die Zukunft zu tragen. Unser Land hat kaum natürliche Ressourcen und eine schwindelerregende Demografie. Unsere einzige Option ist, dass wir Spitze sind bei Innovationen und Zukunftstechnologien. Die Telinage GmbH zeigt das damit verbundene Potenzial eindrucksvoll. 25 Prozent Effizienzgewinne sind eine eindrucksvolle Kennzahl. Wir werden sie in allen Branchen brauchen, nachdem sich hierzulande in den nächsten zehn Jahren 15 Millionen Babyboomer in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden werden. Wenn wir es bis dahin nicht schaffen, alles zu digitalisieren und zu automatisieren, was wir nur können, werden wir Wohlstandsverluste erleben, von denen wir keine Vorstellung haben – schlicht weil uns die Köpfe ausgehen.

top: Gibt es Vorbehalte in der Bevölkerung?

Mehring: In Deutschland haben die Leute noch viel zu oft das Gefühl, KI sei eine Art  Science-Fiction-Schreckgespenst aus der Zukunft, das vom Himmel fällt und über die Menschheit herfällt. Tatsächlich ist KI längst ein konkreter Lebensverbesserer in der Gegenwart – zum Beispiel in der Medizin, wo sie Menschenleben rettet, oder beim Hochwasserschutz, wo sie hilft, Hab und Gut zu schützen. Je mehr wir vom konkreten Nutzen erzählen und klar machen, was der Impact auf die konkrete Lebenswirklichkeit ist, desto besser schaffen wir es, die Menschen auf die Reise Richtung digitale Zukunft mitzunehmen.

Transformation und Innovationsgeist: Augsburgs Wandel

top: Wie wichtig ist das Thema Künstliche Intelligenz für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Bayern – und speziell für Augsburg?

Mehring: Absolut entscheidend. Augsburg ist eine Stadt, die Wandel kennt und lebt. Ich weiß das aus meiner eigenen Familiengeschichte: Mein Opa hat früher beim Riedinger gearbeitet – da war Augsburg noch bedeutende Textilstadt. Als die Textilindustrie schwächelte, erfand sich die Stadt neu – mein Onkel baute dann bereits Roboter bei KUKA und Augsburg wurde zu einem Kraftzentrum moderner Industrie. Heute steht die nächste Stufe der Transformation an: der Sprung in die digitale Zukunft. Mit seiner eindrucksvollen Wandlungsfähigkeit ist Augsburg dabei prädestiniert, an der Spitze dieser Bewegung mitzuspielen. Unsere Metropolregion hat schon mehrfach bewiesen, dass sie Transformation kann. Die Fuggerstadt hat sich nie mit dem Status quo zufriedengegeben, sondern sich immer wieder neuen Wohlstand auf neuen Märkten erschlossen. Gerade jetzt, wo viele Wirtschaftssektoren stagnieren oder gar schrumpfen, zeigt die Digitalwirtschaft, wohin die Reise geht: Alleine in den letzten drei Jahren ist der Sektor um 20,7 Prozent gewachsen – aus dieser Branche kommt der Sound der Zukunft. Auf diesem Feld müssen wir uns jetzt nach der Decke strecken.

top: Was braucht es dazu, um diese neuen Wege zu gehen?

Mehring: Es braucht Mut, Innovationsgeist und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Besonders der Mittelstand und die Start-ups spielen dabei eine entscheidende Rolle. Wenn wir die PS von KI und Co. in der Region auf die Straße bringen wollen, reichen Sonntagsreden nicht. Wir müssen aus dem Reden ins Machen kommen. Telinage ist dafür eines von vielen Erfolgsbeispielen. Gerade im Mittelstand und durch Start-ups werden Zukunftstechnologien nicht nur entwickelt, sondern auch praktisch eingesetzt.

top: Seit zwei Jahren sind Sie nun im Amt. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?

Mehring: Digitale Transformation ist das Masterthema unserer Zeit. Auf diesem Feld wird sich entscheiden, ob wir unseren Wohlstand – aber auch Errungenschaften wie Frieden, Freiheit und Sicherheit – für unsere Heimat in die Zukunft tragen können. Bayerns Weg ins KI-Zeitalter mit meinem Team gestalten zu dürfen, ist deshalb ein absolutes Privileg für mich. Ich denke, das ist eine der spannendsten politischen Aufgaben, die es derzeit gibt.

top: Gibt es einen Moment in Ihrer bisherigen Amtszeit, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Mehring: Besondere Momente gab es in den letzten beiden Jahren viele. Zum Beispiel als wir letztes Jahr den KI-Weltstar OpenAI erfolgreich nach München geholt haben. Solche Player haben früher höchstens in London oder Paris angefragt – und kommen inzwischen zu uns nach München. Ein ganz persönliches Highlight für mich war es natürlich, den Bayerischen Digitalpreis nach Augsburg umgezogen zu haben und Digitalisierung im Rahmen des Rocketeer-Festivals mit über 2.500 Menschen zu feiern. Als Augsburger Minister in Augsburg – das war schon sehr cool!

top: Haben Sie einen Lieblingsplatz in Augsburg oder der Region, an dem Sie zur Ruhe kommen?

Mehring: Auch die gibt es viele. Dazu gehört zum Beispiel die Handballhalle des TSV Haunstetten, wo meine Frau in der 2. Bundesliga gespielt hat. Aber auch die Universität Augsburg, an der ich promoviert habe, ist ein besonderer Ort für mich. Außerdem gefällt mir die Natur rund um den Kuhsee und den Eiskanal im Siebentischwald. Das ist ein schöner Fleck in unserer Stadt – genau wie die Maxstraße, wo wir früher viel gefeiert haben.

top: Sie sind vor einigen Monaten Vater geworden – herzlichen Glückwunsch! Wie hat sich Ihr Alltag dadurch verändert?

Mehring: Danke sehr. Naja: Die Nächte sind natürlich kürzer und die Augenringe tiefer geworden (lacht). Aber: Es gibt nichts Schöneres im Leben und keine bessere Motivation, um zukunftsgewandte Politik zu machen, als den Blick in den eigenen Kinderwagen.

top: Wie gelingt es Ihnen, die anspruchsvolle Aufgabe als Minister mit dem Familienleben zu vereinbaren? Gibt es einen Tipp, den Sie anderen jungen Vätern mitgeben würden?

Mehring: Der Tag hat für alle Menschen immer 24 Stunden – ob man Minister ist, spielt dabei keine Rolle. Es kommt schlicht darauf an, wie man seine Zeit nutzt. Mein Erfolgsrezept heißt: Wenn ich da bin, bin ich wirklich da. Auch im Kopf. So bin ich zwar weniger zu Hause als wenn ich einen anderen Beruf hätte, nutze und genieße die Zeit daheim aber in vollen Zügen.

top: Ihr Job gilt als sehr zeitintensiv und fordernd. Woher nehmen Sie die Energie und Motivation, jeden Tag mit so viel Herzblut dabei zu sein?

Mehring: Aus der tiefen Überzeugung, wirklich etwas bewegen und einen Unterschied machen zu können – und aus meinem großartigen Team. Das Digitalministerium ist ja so eine Art „Anti-Ministerium“ innerhalb der typischen Ministerialbürokratie. Statt Leuten, die Aktendeckel von einer Amtsstube in die andere schieben, gibt es dort viele junge Leute, die täglich Vollgas geben. Das motiviert mich sehr und ist auch wichtig. Denn: Wenn man nicht selbst für eine Sache brennt, kann man auch kein Feuer in anderen entflammen.

top: Wenn Sie einen Wunsch für die digitale Zukunft Bayerns frei hätten – wie sähe dieser aus?

Mehring: Wenn es um die digitale Zukunft Bayerns geht, habe ich eine klare Mission: Bayern soll Heimat für Hightech sein und Europas Topstandort für die Zukunftstechnologien werden. Das Wichtigste auf diesem Weg ist, dass wir endlich aus der großen Depression finden, die seit Corona über dem Land liegt. Während Bayern international als Hort von Wirtschaftskraft und Lebensfreude wahrgenommen wird, sehe ich im eigenen Land nämlich allenthalben zu viel Zukunftsskepsis und Bedenkenträgerei. Wir müssen uns wieder klar machen, dass wir ein geiles Land sind. Schließlich fällt die Zukunft nicht vom Himmel und ist per se schlecht, sondern wird genau so, wie wir sie gestalten. Für ein neues Wirtschaftswunder müssen wir weniger regulieren und mehr machen – wir brauchen wieder weniger „mimimi“ und mehr „Mia san mia“-Mentalität in unserer Heimat. Aus den Wutbürgern müssen wieder Mutbürger werden.

top: Gibt es ein digitales Projekt, das Sie in Ihrer Amtszeit unbedingt noch umsetzen möchten?

Mehring: Davon gibt es eine ganze Menge. Nachdem wir schon viel über die Digitalwirtschaft gesprochen haben, vielleicht ein Beispiel aus dem Bereich der Verwaltungsdigitalisierung: Nächstes Jahr wollen wir damit beginnen, das Smartphone zum „Rathaus in der Hosentasche“ der Menschen zu machen. Ich will, dass man Verwaltung von überall aus zu jedem Zeitpunkt digital erledigen kann. Schließlich ist das Leben in unserer Heimat einfach zu schön, um seine Zeit auf Ämtern abzusitzen.

top: Was raten Sie jungen Gründerinnen und Gründern, die mit einer innovativen Idee an den Start gehen wollen?

Mehring: Bayern ist der beste Ort, um durchzustarten – und jetzt ist die perfekte Zeit dafür. Derzeit gibt es nirgends in Europa mehr Rückenwind für diese Themen als bei uns. Wir haben 5,5 Milliarden in die Hightech-Agenda gesteckt, 1.000 neue Professuren ins Land geholt – 134 alleine für Künstliche Intelligenz. Wir unterstützen mit einem landeseigenen Innovationsbeschleuniger, einem bayerischen KI-Transferprogramm sowie einem Superrisikokapital im Gegenwert von einer Milliarde. All dies wirkt: Bayern liegt inzwischen im Ranking der Technologieregionen unter den Top 20 der Welt – vor Metropolen wie Seattle oder Peking. Jeder zweite Euro, der bundesweit in Start-ups investiert wurde, ist im letzten Jahr in Bayern investiert worden. Trotz alledem punkten wir nicht allein mit Zahlen und Programmen. Es geht auch um Werte: Wir sind ein Top-Standort für Forschung, Entwicklung und Chancen – und dazu eine verlässliche, liberale Demokratie mit Frieden, Freiheit und Sicherheit. Hinzu kommt die besondere Lebensqualität bei uns in Bayern, um die man uns weltweit beneidet – mit den Alpen vor der Nase und dem besten Bier der Welt. Deshalb lade ich herzlich ein: Gründet und skaliert eure Ideen in Bayern. Wir zählen auf euch und ihr könnt euch auf uns verlassen!

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