Die Dominikanerkirche in Augsburg hat viel erlebt: Ein Kaiser stiftete ihr goldene Tafeln, die Fugger wertvolle Altäre. Doch nach dem Prunk kam der Niedergang: Sie vegetierte als Lager für Stroh, Holz und Wein und verfiel. Jetzt ist sie teilrenoviert und strahlt eine besondere Atmosphäre aus. Das Top Magazin hat im Rahmen einer Führung gute Einblicke erhalten.
„Was diese Kirche alles zu erzählen hat, ist wirklich faszinierend“, sagt Ernst Weidl, der als Kunst- und Kulturvermittler der Kunstsammlungen Augsburg seit der Wiedereröff nung im Dezember regelmäßig Führungen durch die Dominikanerkirche macht. Wie viel lebendige Geschichte zu erzählen ist, merkt man sofort, wenn man durch das helle Kirchenschiff geht, das immer noch eine Baustelle ist: Hier überlagern sich Jahrhunderte – vom mittelalterlichen Bettelorden über kaiserliche Selbstdarstellung, barocke Pracht, Enteignung bis hin zur modernen Museums- und Kulturdebatte.
Auf den Grundmauern des Templerorden
Die Geschichte beginnt 1313. Damals übernahmen die Dominikaner das Gebäude des aufgehobenen Templerordens am Predigerberg. „Die Dominikaner und auch Dominikanerinnen waren in Augsburg sehr präsent“, erklärt Ernst Weidl und zählt auf: St. Katharina, St. Margareth, St. Ursula – und eben dieses Kloster hier. Schon 1225 waren sie in die Stadt gekommen. Als Bettelorden, „das heißt, sie haben arm gelebt.“ Doch ganz so karg blieb es nicht. Als der Templerorden im 14. Jahrhundert europaweit aufgelöst wurde, übernahmen die Dominikaner die Räumlichkeiten. Die Kirche, wie wir sie heute kennen, entstand 200 Jahre später, von 1513 bis 1515, auf den Grundmauern des Vorgängerbaus. „Das ist eine sehr besondere Kirche“, hebt der Kunstvermittler hervor. Es handelt sich um eine zweischiffi ge Hallenkirche, ein Begriff , den er erklärt: „Hallenkirche heißt, dass die beiden Teile der Kirche gleich hoch sind, anders als eine Basilika, die niedrigere Seitenschiff e hat.“ Die reichen Augsburger Familien spielten beim Bau eine zentrale Rolle. Wenn die Fugger ihre Kapelle prächtig ausstatteten, wollten die Rehlinger und Lauginger nicht zurückstehen. „Die haben nicht nur tief in die Tasche gegriffen, sondern sich auch ihre Grablegen gesichert. 63 Grüfte befinden sich unter dem Boden.“
PR-Strategie des Kaisers
Der prominenteste Förderer war der Habsburger Kaiser Maximilian I., der zwischen 1518 und 1520 die Anbringung einzelner „Vier-Gulden-Steine“ an der Dominikanerkirche unterstützte. Das sind vergoldete Gedenksteine für den Herrscher und seine Nachkommen. „PIP, also Personal Image Polishing, das hat der Maximilian fantastisch beherrscht“, sagt der Experte schmunzelnd. Die Habsburger waren immer gut darin, sich ins rechte Licht zu rücken. Die wertvollen Steine mit Wappen, Doppeladlern und lateinischen Inschriften sind bis heute erhalten – eine der wenigen originalen Ausstattungen, die der Kirche geblieben sind.
Denn ihr Schicksal änderte sich dramatisch. Mit der Säkularisation 1803 wurde das Dominikanerkloster aufgehoben. Kunstkommissäre kamen, inventarisierten, verteilten, versteigerten die Kunstschätze. Vieles gelangte nach München, anderes auf den Kunstmarkt. Heute stehen diese Werke im Louvre oder im Victoria & Albert Museum in London, sagt der Kunstvermittler voller Stolz. Wie schön diese waren, zeigen beleuchtete Infotafeln: eine hölzerne Maria Magdalena von Gregor Erhart zum Beispiel. Mit der Enteignung war die Zeit von Glanz und Gloria vorbei: Die Kirche diente fortan profanen Zwecken als Kaserne, Salpeter- und Schwefelmagazin sowie als Lager für Stroh, Holz und Wein.
Wenn der Glanz verbleicht
Seit 1837 ist der Bau in städtischer Hand. „Doch wenn man ein Haus einfach vor sich hin kümmern lässt, ist es schnell in einem desolaten Zustand.“ Zum Glück fand das Gebäude einen Mäzen, Hugo Ritter von Forster, der Anfang des 20. Jahrhunderts durch eine Großspende dafür sorgte, dass die Kirche erhalten werden konnte. Erst 1966 erhielt sie wieder eine kulturelle Bestimmung: Das Römische Museum zog ein, musste jedoch 2012 wegen statischer Probleme schließen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Erstens liegt die Kirche direkt an der Abbruchkante, also eine Art natürlicher Höhen- bzw. Geländeabbruch, an dem der Baugrund plötzlich abfällt oder weniger tragfähig ist. Zweitens wiegen die Grabdenkmäler Tonnen, Zusatzgewicht, das die Statik belastet. Und drittens: Unter dem Fußboden sind 63 Grüfte für Einzelpersonen und Familien. „Das ist wie ein Schweizer Käse unter uns“, erklärt der Kulturvermittler. Bei der Sanierung wurden deshalb z. B. Betonstützen, Rohrleitungen, Sicherungsstreben und Verstärkungen eingebaut, um den Boden zu stabilisieren und das Gewicht gleichmäßig zu verteilen. Die Gräber wurden teilweise verfüllt und eine dicke Betondecke eingezogen. Ernst Weidl bedauert ein wenig, dass kein archäologisches Fenster geblieben ist, das den Besuchern einen Blick dort hinein erlaubt.