Nachgefragt bei Leo Dietz – Nachtleben im Wandel
Leo Dietz über Herausforderungen, Trends und die Bedeutung der Gastronomie für Augsburgs Attraktivität
Augsburgs Nächte sind im Umbruch: Gastronom und Politiker Leo Dietz spricht über neue Ausgehgewohnheiten, steigende Kosten und warum die Gastronomie für das Leben in der Stadt unverzichtbar bleibt. Ein Blick hinter die Kulissen einer Branche, die Augsburg Tag und Nacht prägt.
Leo Dietz hat Augsburgs Nachtleben und die Attraktivität der Stadt im Blick. Er ist ein Ausnahmemensch – vereint zwei Welten, die selten zusammenfinden: Gastronomie und Politik. Während im Bundestag mehr Islamwissenschaftler als echte Gastwirte oder Hoteliers sitzen – deren Zahl gegen null tendiert – gelingt dem 59-jährigen Dietz dieser Spagat mit Bravour. Seit 18 Jahren ist er Mitglied des Augsburger Stadtrats, zuletzt als Fraktionsvorsitzender der CSU, und seit drei Jahren vertritt er die Region zudem als Landtagsabgeordneter. Parallel dazu betreibt Dietz seit rund 35 Jahren erfolgreich Nachtlokale, darunter das legendäre „Peaches“ und die „Schwarze Perle“ in der Maxstraße. Nach einer Ausbildung zum Kfz-Mechaniker und einer Weiterbildung im Bereich EDV fand der gebürtige Augsburger, dessen Lebensmotto „Leben und leben lassen“ lautet, seinen Weg in die Gastronomie.
Fragt man ihn nach seinem Lieblingsplatz in Augsburg, nennt er weder das Rathaus noch eine Kneipe, sondern seinen ruhigen Garten in Göggingen, den er besonders im Sommer genießt. Schwerpunkt im Interview mit dem Top Magazin bildet der Blick auf das Augsburger Nachtleben, das – so scheint es zumindest – in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren hat.
top: Tote Hose in der Stadt. Oder wie schätzen Sie aktuell das Augsburger Nachtleben ein?
Leo Dietz: Es hat sich zumindest deutlich verändert.
top: Nehmen wir etwa den Donnerstag. Damit hat früher das Ausgeh-Wochenende begonnen, heute ist am Donnerstagabend kaum mehr etwas los.
Dietz: Es gibt viele Gründe. Ein Kollege, der einen Club betreibt, hat es treffend formuliert: Junge Leute zieht es zunehmend auf Festivals, für die sie viel Geld ausgeben. Da spart man dann beim Disco- oder Clubbesuch.
Corona als Game Changer für die Club-Kultur
top: Und Corona?
Dietz: Das war natürlich ein weiterer Game Changer für die Club-Kultur. Da hat sich vieles verändert. Nicht alle haben die erzwungenen Ausfälle verkraftet. Im Einzelhandel sind viele auf Online-Käufe umgestiegen. Und wer abends jemanden kennenlernen wollte, nutzte in Zeiten der Ausgehverbote neue Portale – vieles hat sich dadurch ins Private verlagert.
top: Und danach ist das Nachtleben nicht mehr so richtig angelaufen. Warum gab es keinen Nachholeffekt?
Dietz: Den gab es schon – im ersten Jahr nach der Pandemie, als man noch nicht uneingeschränkt verreisen konnte und noch keine Festivals stattfanden. Da war tatsächlich wieder richtig viel los in Diskos, Clubs und Bars. Im zweiten Jahr nach Corona wollten die Leute dann wieder verreisen oder besuchten große Musikveranstaltungen – eine Entwicklung, die sich, wie gesagt, schon vorher abgezeichnet hatte.
top: Was kann man als Club- oder Barbetreiber dem entgegenhalten?
top: Muss man denn nicht, wenn es nicht mehr läuft, das Angebot ändern?
Dietz: Natürlich. Früher hat man als Clubinhaber auch Events selbst organisiert, heute kommen oft externe Veranstalter zum Einsatz – eine Entwicklung, die schon vor einiger Zeit begonnen hat. Ich selbst bin zum Beispiel mehrmals im Jahr Organisator der legendären Morningstar-Partys, die unter oder in der neuen Rockfabrik stattfinden und nach wie vor gut besucht sind.
Motto-Partys und „Mama geht tanzen“
top: … nicht nur von jüngeren Nachtschwärmern, sondern auch von Ü-50-Gästen. Eine Zielgruppe, die so mancher Gastronom zunehmend im Blick hat?
Dietz: Das gehört heute einfach dazu – für unterschiedliche Zielgruppen gibt es passende Angebote, etwa für Studierende oder Fans bestimmter Musikrichtungen. Motto-Partys kommen immer gut an, sei es mit einem speziellen Musikstil oder einem Schlagwort wie „Disney“ oder – ganz neu – „Mama geht tanzen“. Solche Events locken ein vielfältiges Publikum an.
top: Also doch noch was los – am Wochenende. Aber von Sonntag bis inzwischen Donnerstag ist Feierpause?
Dietz: Das stimmt so nicht ganz. Dienstag und Mittwoch sind mittlerweile Ausgehtage, speziell für Schüler und Studierende, die zum Beispiel mittwochs regelmäßig die Kantine am Kö füllen. Weil es dort erst später, nämlich ab 23 Uhr, losgeht, profitieren andere Lokale als Warm-up-Treffpunkte.
top: Dort lockt man mit günstigen Preisen. Aber alles wird teurer, auch der Besuch im Nachtlokal. Wie sehr schreckt das ab? Es scheint, dass sich immer mehr junge Leute, wenn es wärmer wird, mit ein paar mitgebrachten, günstig erworbenen Flaschen lieber auf der Bismarckbrücke treffen.
Dietz: Solche Treffen gab es immer – früher am Herkulesbrunnen, heute unter anderem an der Bismarckbrücke, wo man oft einen herrlichen Sonnenuntergang genießen kann. Mit den Preisen in den Augsburger Nachtlokalen hat das wenig zu tun, zumal diese im bundesweiten Vergleich noch moderat sind.
top: Naja. Teurer wird es dennoch immer wieder – auch in den Nachtlokalen.
Dietz: Das lässt sich leider nicht vermeiden. Von der Mehrwertsteuer-Reduzierung auf sieben Prozent profi tieren wir nicht, da sie nur für Speisen gilt und in unserer Branche kaum eine Rolle spielt. Wir müssen jedoch die in den letzten zehn Jahren um bis zu 70 Prozent gestiegenen Löhne – auch durch die Anhebung des Mindestlohns – ausgleichen und diese Kosten an die Gäste weitergeben. Hinzu kommen rund 20 Prozent höhere Mietkosten sowie gestiegene Energie- und Lebensmittelpreise. Dadurch bleiben die Spielräume deutlich kleiner als früher, und es besteht die Gefahr, dass ein Nachtlokal schnell in eine Schieflagge gerät, wenn es mal ein paar Wochen nicht gut läuft. Nicht umsonst haben viele Barbetreiber noch einen Hauptberuf – die Bar läuft quasi nebenbei als arbeitsintensives Hobby.
top: Dass es dennoch inzwischen ganz gut klappt, liegt vielleicht daran, dass man nicht mehr bis in die Puppen feiert?
Dietz: Es gibt auch heute noch echte Nachtschwärmer unter den jungen Leuten. Aber selbst wenn sich das Ausgehverhalten verändert und das Geschäft nach Mitternacht nachlässt, gilt: Die, die ausgehen, können in Augsburg durchaus noch gut feiern.
top: Blicken wir auf das Thema Sicherheit. Gefühlt nimmt die Rücksichtslosigkeit zu. Erfordert das mehr Ordnungskräfte, etwa an den Club- und Barzugängen?
Dietz: Türsteher sind im Nachtleben nichts Neues – sie gehören dazu, seit ich in dieser Branche tätig bin, also seit mehr als 35 Jahren. Abgesehen von einer Messerstecherei vor 20 Jahren ist alles weitgehend geregelt abgelaufen, auch wenn der Job nicht einfacher wird. Wir achten besonders auf das Alter der Gäste, also auf den Jugendschutz, aber auch auf andere Dinge. Gibt es Probleme, ziehen wir die Polizei hinzu, die auch auf unsere Kameraüberwachung zurückgreifen kann. Und bei jedem Verstoß erstatten wir konsequent Anzeige.
top: Ein weiteres, aktuelles Sicherheitsthema ist der Brandschutz. Nach dem Neujahrs-Feuerdrama in einer Disko in der Schweiz sind natürlich auch hier Clubräume, zum Beispiel Ihr Kellergewölbe im Peaches, verstärkt in den Blick gerückt. Hatte das Folgen?
Dietz: Natürlich. Solche Unglücke schockieren auch uns und führen dazu, dass wir alle Sicherheitsbestimmungen noch einmal besonders kritisch überprüfen – obwohl wir ohnehin alle gesetzlichen Vorgaben erfüllen, die regelmäßig von Amts wegen kontrolliert werden. Wir achten zum Beispiel bei der Faschingsdekoration strikt darauf, dass sie nicht brennbar ist. Besonders wichtig ist mir, dass unser Personal regelmäßig geschult wird und im Notfall weiß, wie man etwa einen Feuerlöscher bedient. Erst kürzlich hat unser Team unter dem Eindruck des Dramas zum Jahreswechsel eine Spezialschulung in der Feuerwehr-Erlebniswelt absolviert, bei der auch die unheimliche Macht des Feuers eindrucksvoll demonstriert wurde.
Wie die Politik die Gastronomie stärken sollte
top: Sie sind Gastronom und Politiker. Was kann und müsste die Politik tun, um die Gastronomie weiter zu stärken?
Dietz: Da verweise ich auf die aktuellen Forderungen des DEHOGA, also des Hotel- und Gaststättenverbandes. Stichworte sind Bürokratieabbau, Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel, flexiblere Wochenarbeitszeiten sowie mehr Unabhängigkeit der Mindestlohn-Kommission. So manches hat die Bundesregierung ja bereits auf dem Zettel – und als Politiker setze ich mich dafür ein.
top: Abschließend ein Blick auf die Attraktivität der Augsburger City, die so mancher auf einem eher absteigenden Ast sieht. Welche Rolle spielt dabei die Gastronomie, wenn man neue, zeitgemäße Innenstadt-Konzepte anstrebt?
Dietz: Jede Stadt, auch Augsburg, befi ndet sich im Wandel. Wir – also Stadtregierung und Stadtrat – reagieren auf den Umbruch im Handel und suchen Wege, um neuen Bedürfnissen gerecht zu werden und die Innenstadt nicht nur als Einkaufszentrum, sondern auch als Begegnungs- und Erlebnisraum zukunftsfähig zu gestalten. Das ist ein laufender Prozess. Eines steht dabei fest: Ohne Gastronomie funktioniert eine Innenstadt überhaupt nicht. Wirtshäuser waren schon immer Orte der Zusammenkunft. Unsere Branche begleitet die Menschen von der Geburt bis zum Tod, von der Tauff eier bis zum Leichenschmaus. Man darf keinesfalls unterschätzen, was die Gastronomie in ihrer Vielfalt für die Gesellschaft leistet. So bleibt Augsburg lebendig – tagsüber und auch in der Nacht.


